24. August 2018
Und was ist mit Schimpfen? Schimpfen ist doch nicht strafen!?…. Oder doch?
Über das Schimpfen

Irgendwie scheint es sich zu verbreiten: Strafen sind Mist. Im Schulalltag hab ich oft die Aussage gehört: „Naja, strafen ist blöd, aber loben ist doch toll.“ (Darüber, warum ich auch nicht lobe habe ich hier geschrieben)

Aber was ist denn mit dem Schimpfen? Ich begegne öfter Mütter und Väter, die bedauern, dass sie mit ihren Kindern geschimpft haben. Irgendwie scheint es sich nicht richtig anzufühlen. Ich hab auch damals als ich noch erzogen habe, gedacht: Naja, aber wenn ich MAL mit meiner Tochter schimpfe ist das ja auch irgendwo authentisch. DAS denke ich heute nicht mehr!

 

Warum ich nicht mehr mit meinen Kindern schimpfe

Ich glaube nicht, dass ich mit meinen Kindern schimpfen muss. Genau so wenig wie ich glaube, dass ich überhaupt mit irgendeinem Menschen schimpfen muss. Zum einen: Weil kein Mensch irgendetwas muss (ich finde, dass das nicht oft genug gesagt werden kann) und zum anderen: weil es zu rein gar nichts führt.
Wenn mein Kind ein Glas fallen lässt und das zu Bruch geht, dann weiß es selbst, dass das grad blöd war. Dann weint es, es ärgert sich, es ist frustriert, verzweifelt, traurig. Da brauche ich nicht noch eins oben drauf setzen, in dem ich mit meinem Kind schimpfe.

Ich gehe da von mir selbst aus. Wenn mir ein Fehler passiert, dann wünsche ich mir, dass mich jemand in den Arm nimmt. Ich wünsche mir, dass mich jemand sieht und mir und meinen Gefühlen Raum gibt. DAS was ich am allerwenigsten in dieser Situation brauche ist jemanden, der mir sagt:

 

„Also hör mal, Verena! Das hast du jetzt aber ordentlich in den Sand gesetzt! Das war richtiger Bockmist! Was soll der Mist? Geht’s noch?“

 

Und genau so wenig hilfreich ist es, wenn wir mit unseren Kindern noch schimpfen, wenn sie ohnehin wissen, dass das gerade blöd war. Im Beispiel von oben hilft es meinem Kind, wenn ich es in Arm nehme, es sehe, ihm zeige, dass ich da bin:

 

„Oh meine Süße! Wie ärgerlich! Du wolltest das gar nicht, dass das Glas zu Bruch geht. Und es ist dir ausversehen aus der Hand gefallen! Ich glaube, du bist echt traurig!“

 

So oder so. Die Situation ist die selbe: Das Glas ist kaputt.
Die Frage ist nur: Nehme ich die Folgen vom Schimpfen in Kauf oder versorge ich lieber mich selbst und mein Kind? Und sorge so für unsere Beziehung?

 

Über die Folgen vom Schimpfen

Ich glaube, dass die Folgen vom Schimpfen in vielerlei Hinsicht gravierend sind.

 

Der Selbstwert des Kindes wird geschädigt

Zum einen, muss das Kind zutiefst glauben, was seine Eltern über es denken (siehe hierzu auch den Artikel über Macht in Eltern-Kind-Beziehungen). Schimpfen wir also mit unseren Kindern, weil wir von einer Verhaltensweise unseres Kindes getriggert werden, bezieht dass das Kind immer auf sich. Es fühlt sich für unsere Gefühle verantwortlich, es differenziert nicht zwischen seinem Verhalten und seinem Selbst(wert). Und die Worte der Eltern nimmt das Kind mit ins Erwachsenenalter. Beobachte dich mal. Dein innerer Kritiker ist Resultat der Erziehung deiner Eltern. Es wurde eins zu eins übernommen und wir setzen es selbst gedanklich weiter fort, wenn mit uns als Kind geschimpft worden ist. Auswirkungen auf unser Selbstwertgefühl hat das bis heute!

 

„Die Art wie du mit deinem Kind sprichst, wird eines Tages zu seiner inneren Stimme“
– Peggy O’Mara –

 

Das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind wird beschädigt

Wie wir über unser Kind denken, liegt in unserer Verantwortung. Es hängt übrigens maßgeblich mit davon ab, wie wir über uns selbst denken. Ich lege jedem dazu „the work“ nahe. Wir MÜSSEN nicht glauben, was wir denken und wir dürfen unsere Gedanken selbstkritisch hinterfragen. Wenn wir unser Kind schimpfen, haben wir ein negatives Bild von ihm vor Augen, da schwirren Gedanken in unseren Köpfen wie: „Das hat mein Kind absichtlich gemacht“, „Mein Kind will mich provozieren“, „Mein Kind ist ein Trotzkopf“, „Mein Kind hört nie!“, „Mein Kind tut nicht was ich sage“ ( 🙂 übrigens: Was für ein Glück!)… die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Der Erwachsene hat kein Vertrauen in das Kind (und im übrigen auch nicht in sich selbst).

Das Kind versteht indes nicht, warum mit ihm geschimpft wird. Das Kind ist einfach Kind. Und damit MENSCH. Es weint, es wütet, ihm passiert auch schon mal ein Missgeschick (es lässt sich im übrigen darüber diskutieren was eigentlich ein Fehler oder ein Missgeschick ist), es will sich ausprobieren, es will lernen, es will Erfahrungen machen. Wie wir großen Menschen auch. Und mit jedem Mal, dass es geschimpft wird, verliert es das Vertrauen in seine Eltern, dass es so geliebt und angenommen wird, wie es ist.

 

Schimpfen fördert Angst

Die Intention hinter Schimpfen ist die, dass das Kind sich mies fühlen soll. Es soll sich schämen und Schuldgefühle entwickeln. Und das wiederum soll zu genügend Angst führen, damit das entsprechende Verhalten nicht wiederholt wird. Diese Angst wirkt sich höchst negativ aus: Auf das Lernverhalten, auf den Enthusiasmus des Kindes, auf ihr Konzentrationsvermögen und ihre Ausdauer. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Lernen ausschließlich in einem angstfreien Raum stattfinden kann.

 

Und warum schimpfen dann trotzdem so viele Eltern mit ihren Kindern?

Ich weiß noch genau, wie ich im Referendariat meine ersten Gehversuche wagte. Und ich dachte, okay, was bin ich eigentlich für eine Lehrerin? Eigentlich will ich eine ganz nette Lehrerin sein, aber manchmal, da werde ich mich eben auch durchsetzen müssen und schimpfen müssen (übrigens hatte ich bis dato schon Skrupel davor, irgendwie behagte mir das nicht, aber was muss, das muss… dachte ich damals, so traurig, so wahr). Ich hatte bis dato keine eigenen Kinder. Und ich hatte es in meiner Kindheit nie anders erfahren. Ich erinnere mich noch zu gut an Situationen in meiner Kindheit, die mit eben dieser Scham behaftet sind, weil ich geschimpft worden bin.

Nur brachte ich bis dahin nicht eins mit dem anderen überein: Das es gegen meine Werte geht, ein Kind zu schimpfen. Und, dass die Intention die dahinter steckt, die Erniedrigung des Kindes ist.

„Schimpfen ist erniedrigend, schmerzhaft und schafft Abstand. Da Kinder vom Wohlwollen ihrer Eltern abhängig sind, verliert ein gescholtenes Kind den Halt und bekommt Angst. Deshalb verdrängt es die Schimpferei. Wenn Erwachsene Strafen, die sie als Kind erlebt haben, positiv darstellen, ist das nichts anderes als die Verdrängung ihres negativen Gefühls.“ (Dr. phil Sonja Deml  2013)

Und das es nicht nur unnötig, sondern menschenunwürdig ist, andere Menschen zu schimpfen.
Ich durfte erst lernen mich selbst anzunehmen, mir Selbstfürsorge und Wertschätzung zu schenken, ehe ich erkennen durfte, dass es nicht nötig ist mit Kindern zu schimpfen und ich auf diese Weise beginnen konnte, mein inneres Kind selbst zu versorgen. Und auf diesem Weg befinde ich mich bis heute.

 

Und was ist, wenn ich doch wütend werde und beginne mein Kind zu schimpfen?

 

Es gibt (inzwischen immer seltener) Situationen, da gerate ich innerlich in Not. Da wird alter Schmerz durch das Verhalten meiner Kinder getriggert, da bin ich zutiefst wütend, da gelingt es mir nicht mein Gefühl umzulenken, und ich schimpfe (siehe hierzu auch diesen Artikel). Ich glaube dabei nicht, dass das sein MUSS und ich weiß, dass das gerade MEINE Verantwortung ist. Egal wie sich mein Kind verhält, es ist vielleicht der Auslöser für meinen Trigger, für meine Gefühle und die Auslebung meiner Gefühle bin ich ganz allein verantwortlich.

Und dann versorge ich mich selbst.
Es sind Momente, in denen meine Bedürfnisse zutiefst unerfüllt sind, in denen ich nicht mit mir in Verbindung bin. In diesen Momenten erfüllt es mir gar keine Bedürfnisse, wenn ich mich zusätzlich runter mache:

 

„Mensch! Verena! Jetzt hast du doch wieder geschimpft. Wie kannst du nur? Was soll das? Was bist du nur für ein Mensch!“

 

Nein! Ich betreibe Selbstfürsorge und überlege, was mir gerade so richtig gut tun würde und sorge für mich:

Ich gehe baden, ich esse ein Stück Schokolade, ich höre Musik, ich telefoniere mit einer Freundin, egal was, hauptsache es tut mir gut.

Auf diese Weise erfülle ich mir zum einen selbst meine Bedürfnisse und komme in die Eigenverantwortung. Zum anderen lege ich in meinem Gehirn andere Vernetzungen an, die – mit ausreichend Training – dazu führen, dass ich immer öfter diese benutze. Und das dauert im übrigen. Unser Gehirn greift in Notsituationen lieber auf altbewährte Verhaltensweisen zurück. Also bin ich geduldig mit mir selbst, schimpfe mich nicht selbst für Fehler, sondern schenke mir genau das, was ich auch meinem Kind geben möchte: Vertrauen, Geduld und Fürsorge.

Mein Kind versorge ich selbstverständlich auch. Ich nehme es in den Arm (wenn es das möchte) und sage ihm:

„Weißt du! Es tut mir sehr leid! Ich habe einen Fehler gemacht und ich bedaure, dass ich dir so weh getan habe.“

Abschließend schenke ich mir selbst die Zeit und schaue wohlwollend, was mich da so wütend werden gelassen hat. Auf diese Weise hole ich die Verantwortung für meine Gefühle zu mir zurück und komme in die Eigenverantwortung.

Du möchtest gerne weniger mit deinem Kind schimpfen und statt dessen mehr Leichtigkeit und Miteinander mit deinem Kind genießen? Dann lade dir hier das Workbook „Raus aus der Mecker-, Motz- und Nörgelfalle“ herunter, dass du hier bekommst.

Eure Verena